Olympische Winterspiele in Mailand – na und? Ist da etwas?
In Mailand regnet es. Es regnet beharrlich. Wer soeben angekommen ist, um die Olympischen Winterspiele 2026 zu suchen, findet vor allem nassen Asphalt. Selbst am Hauptbahnhof «Milano Centrale» , wo pro Tag 500 Züge aus- und einfahren und mehr als 300'000 Reisende ein- und aussteigen, gibt es kurz vor der Eröffnung nicht den geringsten Hinweis auf ein globales Spektakel.
Das ist neu und im Gegensatz zu allen anderen olympischen Städten der Vergangenheit, die an ihren «Einfallstoren», am Flughafen und an Bahnhöfen die Gäste schon Tage vor den Spielen durch buntgekleidete, freundliche Helferinnen und Helfer empfangen und betreut haben.
Olympische Spiele, na und? Der Regen wird in Mailand nicht in Schnee übergehen. Es wird keine beissende Kälte kommen und auf dem nassen Asphalt wird sich kein Glatteis bilden. Den echten Winter für echte Winterspiele gibt es in der Ebene des Po nicht.
Dabei wird hier doch in Mailand olympisches Gold im Eishockey und im Eiskunstlauf vergeben. Herzstücke der Winterspiele seit Anbeginn der Zeiten. Mit traumhaften TV-Quoten, gerade in Nordamerika. Im wichtigsten aller TV-Märkte.
Doch das interessiert hier die Menschen im Alltag nicht viel mehr als eine Feldhandball-WM in Zürich. Eishockey? Der letzte berühmte Eishockeyspieler, der für einen Klub in Mailand gespielt hat und dessen Name auch hundert Meter weg vom Stadion noch ein Begriff war: Jari Kurri. Aber das war vor 36 Jahren. Den letzten grossen Sieg feierte ein Klub aus der Stadt mit dem Gewinn des Spengler Cups 1954. Also vor mehr als 70 Jahren.
Dass das olympische Spektakel auch kurz vor der Eröffnung im Zentrum der Stadt nicht zu erkennen, nicht zu spüren, ja nicht einmal zu erahnen ist, hat schon seine Logik. Mailand versucht nicht, sich ausgerechnet über Wintersport neu zu erfinden, sondern integriert die Spiele einfach geräuschlos in den bestehenden urbanen Alltag. Wie eine der vielen Messen oder ein Spiel der ZSC Lions in Zürich.
Mailand eben hat ganz andere Massstäbe und – anders als zuletzt Peking oder Paris, eigentlich als alle bisherigen urbanen Zentren der olympischen Geschichte – auch nicht vor, die Welt mit olympischem Brimborium zu beeindrucken. Diese Stadt ist gewohnt, Bühne zu sein. Sie hat Kaiser, Kaiserinnen und Kaufleute, Diktatoren und korrupte Demokraten, Moden und Messen, Revolutionen und Umbrüche gesehen. Mailand bleibt Mailand. Olympisches Spektakel hin oder her. Geschäftig, ein bisschen kühl und jetzt auch noch regnerisch.
Mailand beeindruckt nicht mit steinernen Zeugnissen jahrtausendealter Macht wie Rom, ist nicht lustvoll chaotisch wie Neapel und hat nicht den morbiden Zauber Venedigs. Mailand ist ein Wirtschaftszentrum, dessen Bewohnerinnen und Bewohner sich ihre Strebsamkeit und ihren Fleiss zugutehalten. Mehr Zürich als Neapel. Niemand hat hier ein Flair für wintersportliche Romantik. Mailand muss sich nicht inszenieren, um Teil der Welt zu sein. Die Stadt ist es längst.
Natürlich liegt unter dem Regen auch ein wenig Unruhe. Die neuen Arenen für den olympischen Eissport am Rande der Stadt glänzen im Regen. Sie passen nicht so recht in die Umgebung und mahnen fast ein wenig an Raumstationen.
Baustellen haben Spuren hinterlassen und Kostenüberschreitungen und Versprechen stehen im Raum wie die feuchte, regnerische Luft. Aber wenn man irgendwo weiss, wie mit sportlichen Grossereignissen Geld gemacht werden kann, dann in Italien und erst recht in Mailand. Die Welt schaut auf uns, aber wir werden nicht rechtzeitig fertig, wenn wir nicht noch ein paar Millionen mehr aus der Staatskasse bekommen! Also kommen die Millionen. So ist das immer bei internationalen Sportanlässen in Italien.
Organisatorische Mängel gehören dazu wie das Glockengeläut zur Alpabfahrt. Aber hat nicht die NHL wegen verschiedener Mängel zwischendurch sogar mit Boykott gedroht? Alles bloss Theaterdonner. Die wichtigsten Abgesandten der wichtigsten Liga der Welt haben immer etwas auszusetzen. Erst recht bei einem Turnier in einem Eishockey-Entwicklungsland. Das gehört zum arroganten Selbstverständnis der nordamerikanischen Hockey-Weltenherrscher. Kein Problem.
So viel lässt sich schon sagen: Diese Spiele werden in Mailand – hier leben im Grossraum der Stadt rund 8 Millionen Menschen, fast so viele wie in der Schweiz – nicht als Rausch in Erinnerung bleiben. Sondern als Teil eines Winters, der wie meistens grau und nass war. Winterolympia fällt hier nicht in leisen Schneeflocken. Sondern in Regentropfen. Mailand glaubt nicht an Märchen. Und schon gar nicht an olympische Wintermärchen. Die Espressi werden weiterhin im Stehen getrunken. Olympia hin, Olympia her.
Und noch etwas zeigt sich: Die ursprüngliche Idee der Olympischen Spiele wird 2026 ad absurdum geführt. Die Besonderheit, das Flair dieses Spektakels, das der Romantiker Pierre de Coubertin am Ende des vorletzten Jahrhunderts ersonnen hat, war ein Zusammentreffen der Jugend der Welt an einem Ort. Ganz war das nur selten möglich, weil die Wettkampfstätten halt auch in einer Stadt nicht alle am gleichen Ort zentriert sind.
Aber nun ist es definitiv unmöglich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Winterspiele (seit 1924) gibt es offiziell zwei Austragungsorte: Mailand und Cortina, das 1956 alleiniger Ausrichter der Spiele war. Ja, wir haben 2026 erstmals einen «Archipel Olympia» der aus mehreren weit auseinanderliegenden Inseln besteht. Von Mailand nach Cortina, dem zweiten Hauptort in den Dolomiten, dauert die Reise länger als von Mailand nach Zürich. Wettkämpfe finden auch in Bormio (Ski), Livigno (Freestyle, Snowboard), Antholz (Biathlon) und Val di Fiemme (Ski nordisch) statt und erstmals wird die Abschlussfeier (in Verona) nicht am gleichen Ort zelebriert wie die Eröffnungsfeier (in Mailand).
Eigentlich bestehen die Olympischen Winterspiele 2026 aus einer Reihe von Weltmeisterschaften an verschiedenen Orten, die gleichzeitig ausgetragen werden und durch eine Marke mit globaler Strahlkraft – das Symbol mit den fünf Ringen – zusammengehalten und durchschlagend erfolgreich vermarktet werden. Aber vom vielbeschworenen olympischen Geist, genährt durch das Zusammentreffen am gleichen Ort, ist rein gar nichts mehr übriggeblieben.
Für das TV-Publikum, für das Milliarden-Geschäft ohnehin im Quadrat wichtiger als die Fans vor Ort, spielt diese verlorene Romantik keine Rolle. Das Spektakel wird grandios sein und niemand fragt nach Romantik oder ob das Skirennen am Vormittag an einem ganz anderen Ort stattfindet als der Hockeymatch am Abend. Die Olympischen Spiele haben 2026 definitiv ihre Romantik und Seele verloren. Aber natürlich nicht die Milliarden-Umsätze.
Spätestens übermorgen soll es in Mailand nicht mehr regnen. Eigentlich schade. Die Melancholie des Regenwetters hat gerade in dieser Stadt auch eine gewisse Romantik.
